GDCF – Berlinale

Berlinale 2020: In diesen Zeiten …

Die diesjährigen 70. Internationalen Filmfestspiele fanden unter neuer künstlerischer und organisatorischer Leitung (Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek) statt und standen daher bereits im Vorfeld unter besonderer Beobachtung. Die Bedingungen für das neue Team waren alles andere als günstig: Mehrere Spielstätten und Veranstaltungsorte konnten nicht genutzt werden, der Presseraum war anderweitig vermietet, langjährige Sponsoren hatten gewechselt und die Rolle Bauers in der NS-Zeit führten zu Diskussionen über die Geschichte der Berlinale.

Diskutiert wurde natürlich über die Auswahl der Beiträge im Wettbewerb, die thematisch insgesamt sehr düster ausfielen. Dieser Kritik begegnete Mariette Rissenbeek mit der Erklärung, dass Film nun mal Teile der gesellschaftlichen Realität abbilde. Die Auswahl im Wettbewerb wurde zudem von europäischen Beiträgen (italienischen) und Ko-Produktionen bestimmt, daneben gab es lediglich einen Film aus Taiwan („Rizi“, Days von Tsai Ming-Liang) und den koreanischen Beitrag (The Woman Who Ran – offenbar im Kontext der Oscar-Prämierung von „Parasite“).

So fand ein Teil der interessanten Produktionen in den anderen Sektionen wie auch der neu eingerichteten Sektion „Encounters“ statt. Auch hier gab es nur wenige Filme aus China. Nach Auskunft der chinesischen Filmindustrie konnte ein Teil der Werke, die traditionell zum Neujahrsfest erscheinen, wegen des Corona-Virus und den damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. So richtete sich der Blick auf all die Produktionen, die meist nur geringe Chancen auf ein größeres Publikum erhalten und mit Glück im Fernsehprogramm der Dritten gesendet werden. Vermutlich so wie „Schwarze Milch“ (Black Milk).

Leben zwischen den Kulturen
Tuschmalerei von Ursula Schumann

Der Film erzählt von zwei Schwestern, die in unterschiedlichen Welten aufgewachsen sind und die mit den – wie ich finde – peinlichen Namen Wessi und Ossi benannt wurden. Die ältere lebt seit Jahren im Westen, in einer deutschen Großstadt. Sie ist mit einem Deutschen liiert und möchte nach Jahren ihre Schwester in der mongolischen Steppe besuchen. Bei ihrer Ankunft wird sie wie die verlorene Tochter vom Vater mit einem großen Fest mit der ganzen Familie und allen Nachbarn in der Jurte willkommen geheißen. Es wird gegessen und getrunken, gelacht und geredet.

Bald entdeckt Wessi allerdings, dass ihre Vorstellungen von ungezwungener Freiheit in den Weiten der Steppe keineswegs der Realität entsprechen. Das Leben ihrer Schwester bedeutet harte körperliche Arbeit, und eine traditionelle Männerwelt grenzt ein freiheitliches Leben für Frauen ein. Während die eine von ägyptischen Königinnen erzählt, die sich für ihre Schönheit in Ziegenmilch baden, zeigt ihr die andere den Alltag beim Holzhacken und dass Tiere erst geschlachtet werden müssen, ehe man das Fleisch essen kann. Auch Wessis erotische Beziehung zu einem mysteriösen alleinstehenden Nomaden, der außerhalb der traditionellen Normen zu leben scheint, scheitert an den Tabus einer in sich geschlossenen Gemeinschaft. Als sie erkennt, dass sie sich niemals dieser tabuisierten Traditionen entziehen kann, kehrt sie dem mongolischen Leben den Rücken und reist in die westliche Heimat zurück.

Die halb-autobiografische Story basiert auf Erfahrungen der 1984 in der Mongolei geborenen Regisseurin Uisenma Borchu. Mit vier Jahren kam sie mit ihrer Familie in die DDR. Sie studierte zunächst Sprachen in Mainz und danach an der HFF München Dokumentarfilm. „Black Milk“ zeigt: In beiden Welten sind individuelle Freiheiten von Frauen eingeschränkt. Für ein selbstbestimmtes Leben – auch der deutsche Freund entscheidet über das gemeinsame Zusammensein – gibt es enge Grenzen.

In Traditionen gefangen

Der von Ray Yeung in Hongkong gedrehte Beitrag „Suk Suk“ erzählt von der späten Liebe zwischen zwei älteren Männern, deren Alltag vom Leben in ihren Familien bestimmt ist. Die Tage vergehen in der üblichen Routine. Nun arbeiten sie nicht mehr und haben viel Zeit. Sie gehen spazieren und entdecken ihre lange Jahre verdeckten sexuellen Wünsche und Gefühle.

Die Story des Films basiert auf einer Sammlung von Interviews mit Hongkongern, die in den 1960er- bis 1980er-Jahren ihre Homosexualität hinter der Fassade bürgerlicher Familien verbergen mussten. Ausgehend von diesem dokumentarischen Material porträtiert der Regisseur zwei Männer, die sich nach einem arbeitsreichen Leben – einer war Taxifahrer – aus der Normalität des Familienlebens langsam aufeinander zu bewegen. Die „Großväter“ wollen sich ihrem Wunsch nach intimer Nähe nicht entziehen. So wird ein Badehaus der heimliche Treffpunkt. Doch immer wieder schrecken sie in ihrem neuen Leben voller Heimlichkeit, innerer Kämpfe und schlechtem Gewissen ihren Familien gegenüber vor den Folgen zurück.

Der fast dokumentarische Film wurde in nur 21 Tagen mit einem Etat von lediglich 1 Mio. Dollar gedreht. Ray Yeung, Drehbuchautor und Regisseur, enthält sich jeder moralischen Vorgabe und überlässt es den Zuschauern, das Verhalten der Männer zu beurteilen. Aus heutiger Sicht (und für ein westliches Publikum) ist die Zurückhaltung und verständnisvolle Rücksichtnahme der beiden Protagonisten gegenüber den repressiven Familienstrukturen nicht leicht nachzuvollziehen. Zu konventionell ist der Ausbruchsversuch der beiden „Großväter“ filmisch umgesetzt. Leider fehlt dem in Hongkong bis heute brisanten Thema eine mutige Bildwelt.

Suche nach friedlichen Gestaden

Gefördert vom anerkannten Regisseur und Produzenten Jia Zhang-ke sowie der Pekinger Huanxi Medien Produktion stellte die junge Filmemacherin Song Fang ihren jüngsten Beitrag in der Sektion Forum vor. Song studierte in Belgien und an der Pekinger Filmakademie und hat sich 2009 mit ihrem Kurzfilm „Gao bie“ (Good-bye) in Cannes einen Namen gemacht. Ihr Spielfilm „Ping jing“ (平静, The Calming) besticht mit ihrer ruhig dahinfließenden Erzählstruktur, die uns mit der Protagonistin von Peking nach Tokio, Nanjing und Hongkong bringt. Lin ist eine Dokumentarfilmerin in den frühen Dreißigern. Nach der offenbar schmerzlichen Trennung von ihrem langjährigen Freund versucht sie ihre erstarrte Gefühlswelt durch ständiges Herumreisen wiederherzustellen.

In langen, extrem ruhigen Kameraeinstellungen begleiten wir die Protagonistin (Darstellerin Qi Xi), durch das Vergehen der Jahreszeiten. Aus dem in Schnee erstarrten Tokio, wo sie an einem Filmfestival teilnimmt, kehrt sie nach Peking in eine neue Wohnung zurück. Auch hier ist sie in Stille und Einsamkeit gefangen, fährt zu ihrem erkrankten Vater nach Nanjing und besucht eine alte Freundin. Im Sommer reist sie nach Hongkong, wo sie im üppigen Grün der Inselwelt Ruhe sucht. Wie die zarten Verse eines langen Poems klingen ihre Gedanken. Es ist die Hoffnung nach einem friedlichen Ort – „convey me to a peaceful shore“ – , an dem sie innerlich Ruhe finden kann. Dort wird sie sich ihre Einsamkeit und Verlassenheit eingestehen. Sie muss sich nicht mehr hinter nichtssagenden Gesprächen verstecken.
Kleiner Nachtrag: Während der Berlinale kam mir der Film ein bisschen manieriert vor. In diesen Zeiten erscheint mir das Thema von Einsamkeit und Stille nun in einem ganz neuen Licht.

Auch in „Rizi“ (einer Produktion aus Taiwan) von Tsai Ming-Liang geht es um Einsamkeit. Der 1957 in Malaysia geborene Filmemacher, Theaterautor und Bildende Künstler hat seit den 1990er-Jahren mehrfach seine Arbeiten auf der Berlinale präsentiert. Bekannt wurde er mit Werken wie „Rebels of the Neon God“ und „The River“ (Silberner Bär 1997) oder „Xi You“ (Reise in den Westen, 2014). In seinem jüngsten Werk, das fast ganz ohne Dialoge auskommt, treffen zwei in ihrem Schmerz gefangene, entwurzelte Männer in einem Hotelzimmer aufeinander. In den unendlich langen Bildern bleibt die Einsamkeit zwischen Kang (Lee Kang-Sheng) und Non gefangen. Als Zuschauer erahnen wir in diesen vom Licht der Kamera eingefangenen Gesichtern nur ein Stück dieses Schmerzes, der für eine kurze Begegnung eine eigene Realität jenseits des Alltags erhält.

Blick zurück ohne Zorn

1998 lief Jia Zhang-kes Debütfilm „Xiao Wu“ (Taschendieb) in der Sektion Forum der Berlinale. Seither wurde der in Fenyang (Provinz Shanxi) geborene Filmemacher mit mehreren Dokumentar- und Spielfilmen, in denen er sich mit klugem Blick seiner Heimat zuwendet, international ausgezeichnet: „Still Life“ (2006), „A Touch of Sin“ (2013), „Ash is Purest White“ (2018). Sein jüngstes Werk „Swimming Out Till the Sea Turns Blue“ (一直游到海水变蓝) spielt ebenfalls in der Heimatregion des Regisseurs und ist als dokumentarische Erzählung angelegt.

In achtzehn Kapiteln werden Schriftsteller unterschiedlicher Generationen mit ihren Geschichten, Erzählungen und Gedichten vor dem Hintergrund der chinesischen Gegenwartsgeschichte porträtiert. Neben drei anerkannten Protagonisten Jia Pingwa (Jg.1952), Yu Hua (Jg. 1960) und als Jüngste, die Autorin Liang Hong (Jg. 1973), sprechen weitere – nicht alle außerhalb des Landes bekannte Literaten – über den Einfluss Chinas jüngerer Geschichte auf ihre Arbeit und ihr Leben. Existenzielle Themen wie Essen, Liebe, Alter, Familie, Trennung und Heimkehr schaffen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen politischen Erfahrungen.

Zu Beginn der dokumentarischen Erzählung, deren Geschichten sich wie Perlen auf einer Kette aneinanderreihen, begegnen wir den alten Menschen aus Jias Heimatort. Es ist die Zeit nach der Gründung der Volksrepublik. Stumm stehen die Dorfbewohner an der Essensausgabe, sie reichen ihre Schalen an die Helfer und beginnen schweigend zu essen. Es ist der Schriftsteller und Funktionär Ma Feng, der von dem dörflichen Leben nach dem Krieg erzählt. Bei ihm ist es die Zeit des Neuanfangs, der Solidarität und des Einsatzes gegen überkommene Traditionen. Diese Generation habe gegen die von Eltern arrangierten Ehen gekämpft und sich gemeinsam mit einfachsten Mitteln für sauberes Wasser eingesetzt. Mas positiven Blick durchbricht der Autor Jia Pingwa, dessen Leben von politischen Kampagnen und den Folgen der Kulturrevolution bestimmt wurde. Es ist überraschend, wie offen der Autor über diese Zeit berichtet, eine Zeit, die in China bis heute selten öffentlich so mutig kritisiert wird. Seine Geschichte beginnt mit dem Vater, der durch einen absurden Zufall zum Konterrevolutionär abgestempelt wurde. Es folgten Inhaftierung, zehn Jahre Arbeitslager und Bestrafung der gesamten Familie. Nach der üblichen Landverschickung konnte Jia Pingwa erst 1978 seine literarische Arbeit als Dichter aufnehmen. Verlorene Zeit.

Der nur wenige Jahre später geborene Autor Yu Hua hat seine Erfahrungen der KR in mehreren literarischen Werken verarbeiten können. Nach fünf Jahren, in denen er als Zahnarzt tätig war, erschien sein erster Roman 1991 in der Zeitschrift Shouhuo. „Leben!“ wurde von Zhang Yimou verfilmt und trug damit zur weltweiten Anerkennung des Autors bei.

Wie sich der gesellschaftliche Wandel vom Neuanfang, über die Kulturrevolution bis zur Reformpolitik auf die Literatur auswirkt, zeigte sehr bewegend das letzte Porträt. Liang Hong, die 1997 an der Universität in Zhengzhou ihren Abschluss machte, musste den Rückblick auf ihr Leben während des Interviews immer wieder unterbrechen. Die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, an ihre Mutter und das Schicksal der gesamten Familie ließen lang verdrängte Emotionen hervorbrechen. Im Gegensatz zu den älteren Schriftstellern gilt Liang als Vertreterin der sogenannten dörflichen Literatur. In ihren Erzählungen, jenseits der urbanen Zentren, widmet sie sich der ländlichen Lebenswirklichkeit, ihrer Eltern und Familien. In dem sehr persönlichen Gespräch wurde deutlich: Das Leben dieser Menschen gleicht dem Hinausschwimmen auf das weite Blau des Meeres. Obwohl Jia Zhang-kes Filmerzählung durch die Betonung heller Lichtblicke bestimmt wird, fehlt seinem jüngsten Werk ein klares übergeordnetes Konzept. So hinterlässt der Film einen insgesamt allzu zusammengewürfelten Eindruck.

Grenzüberschreitungen

Neben Jia Zhang-ke vertrat der junge Filmemacher Meng Huo (Jg. 1984) mit seinen Film „Crossing the Border“ (Guo Zhao Guan 过赵关) auf der Berlinale eine neue Generation chinesischer Regisseure. Sein erster langer Spielfilm aus dem Jahr 2018 ist eine liebenswerte Hommage an seinen Großvater. Der Film gleicht Erinnerungen wie in alten Volksliedern. Erzählt wird von dem siebenjährigen Ning Ning (Yunhu Li). Der muss die Sommerferien bei seinem Großvater Li Fuchang (Yang Taiyi) auf dem Land verbringen, weil seine Mutter täglich die Geburt eines zweiten Kindes erwartet und der Vater keine Zeit für den Jungen hat.

Über das dörfliche Landleben, ohne seine Freunde und die üblichen Chatmöglichkeiten und Gamespiele, ist der Enkelsohn nicht gerade begeistert. Doch kurz darauf beginnt für Ning Ning eine aufregende Zeit. Der Großvater beschließt einen alten Freund, der nach einem schweren Schlaganfall tausende Kilometer entfernt im Krankenhaus liegt, zu besuchen. Im Stil eines klassischen Road Movies begeben sich die beiden auf einem kaum fahrtüchtigen Motorgefährt auf die Reise. Auf der Fahrt begegnen sie einem einsamen jungen Mann, der für sich keine Zukunft sieht, einem Fernfahrer, der mit seinem Lkw mit einer Panne am Rand der Straße gestrandet ist und einem alten Mann, der seine Ruhe und Gelassenheit als Imker gefunden hat. Bei all diesen Begegnungen lernt der Enkelsohn etwas über den Umgang als Mensch mit den Ambivalenzen des Lebens. Auf ihrem Weg zu dem schwerkranken Freund geht es in den Gesprächen des Großvaters um Erinnerungen an frühere Zeiten und um das, was nach dem Tod bleibt. Im Gegensatz zu den engen Lebensvorstellungen und scheinbar geregelten Alltag seines Vaters erlebt Ning Ning mit dem eigenwilligen Großvater, der sich auch vor Grenzüberschreitungen nicht scheut, von der Fülle möglicher Lebenskonzepte.

Der Regisseur hat „Guo Zhao Guan“ dem Leben seines taubstummen Großvaters gewidmet, der nie mehr als zehn Kilometer von seinem Heimatort entfernt war und dennoch so viel vom Leben und vom Tod verstanden hat. Sein Film erzählt in klaren, poetischen Bildern vom Alltag eines ländlichen China, das meist vergessen wird. Meng Huo versteht seine Filmarbeit in der Tradition des Kinos und als Kunst der Erinnerung, die all denen eine Stimme gibt, die keine Stimme haben. Ihm ist ein zutiefst humanes Werk gelungen.

Dagmar Yu-Dembski