Chinaladen – Rezensionen

Der Traum vom Goldenen Berg ist ausgeträumt –
Ein Film und ein Roman

Vielleicht ist es ein Zufall. Der Blick auf das Amerika der Eingewanderten hat sich gewandelt. Sie blicken auf die Geschichte zurück, eine ferne Vergangenheit und ein zerstörtes Erbe. Es ist immer noch das Land ihrer Zukunft, aber nicht mehr der Weg zum Goldenen Berg. Ihr Blick richtet sich auf ein anderes Land, das ein Stück der Geschichte seiner Bewohner, eingewanderter wie einheimischer, nicht mehr sieht.

Es war eine Überraschung, dass die junge in China geborene Chloé Zhao für ihren Spielfilm „Nomadland“ in diesem Jahr mit dem Oscar prämiert wurde. Die bereits in Venedig und auf verschiedenen Festivals 2020 aufgeführte Produktion führt uns mit den Augen einer Einwanderin und dem Gesicht der wunderbaren Schauspielerin Frances McDormand durch ein Amerika, das alle Freiheiten bietet – auch die, „homeless“ zu sein. Nicht obdachlos, nur wohnungslos.

Und es sind viele. Sie sind nicht auf der Suche nach einem Zuhause, nach einer Heimat. Amerika ist ihr Land. Nur das System des „immer mehr“, auf Kosten der Natur und der Menschen, lässt ihnen keine Chance. Nachdem in der Bergbaustadt Empire, Nevada die Gipsproduktion keinen Gewinn mehr macht, wird das Unternehmen geschlossen. Die Frauen und Männer verlieren ihre Arbeit, verlassen ihre Häuser. Der Ort wird zur Geisterstadt. Schließlich wird sogar die Postleitzahl gelöscht.

Fast dokumentarisch verfolgen wir – einem Roadmovie gleich – die 60-jährige Fern (Frances McDormand) auf ihrem Weg durch den Westen der Vereinigten Staaten, in die Weite einer großartigen, fast menschenleeren Landschaft. Begleiten sie zu ihren Leiharbeitsjobs, ob in ein Amazon-Center oder einen Schnellimbiss. Egal wo: Randexistenzen, Billigarbeit.

Chloé Zhao zeichnet ein Land von unendlicher Schönheit, großartigen Naturlandschaften, voller liebevoller menschlicher Wärme und Solidarität, doch von Verfall und Vernichtung umgeben. „Nomadland“ ist wegen überlanger Bildstrecken, einer eher konventionellen Filmsprache und bis an die Grenze zum Kitsch gezeichneter menschlicher Begegnungen kritisiert worden, und doch zeigen die Gesichter all der (Laien-)Darsteller und allen voran Frances McDormands trotz aller Poesie eine Welt, die sich in ihrem Wahn nach mehr selbst vernichtet.

Chloé Zhao: Nomadland

Nomadland (2020)
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Frances McDormand & Chloé Zhao
107 Minuten




C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold. Roman
C Pam Zhang
S. Fischer Verlag (2021)
352 Seiten, 22,00 €



Auch C Pam Zhang, 1990 in Peking geboren und im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern nach Amerika gekommen, blickt auf das Goldene Land. Doch anders als Zhao bohrt sie sich tief in die Vergangenheit ihrer neuen Heimat ein, bringt die vergessene Zeit der Bisons, Schakale, seiner einstigen Einwohner, der Abenteurer, Goldsucher und Minenarbeiter an die Oberfläche. In ihrem Debütroman erzählt sie eine andere Seite des amerikanischen Aufbruchs, der so brutal und schonungslos ist wie die Sprache in ihrem Debütroman.Zhang lässt die jugendlichen Geschwister Sam und Lucy durch ein Land ziehen, dem sein Gold genommen wurde, seine Flüsse, seine Tiere, sein Grün, seine Lebenskraft – vor langer Zeit, als die neuen Männer kamen, die Kugeln statt Samen säten. Als von jenseits des tiefblauen Meeres Frauen und Männer in dieses Land gebracht wurden. Sie waren billig gekauft, wurden eingepfercht und gefangen gehalten, um die Zivilisation aus dem Osten in den Westen zu bringen, den Bau der Eisenbahn quer durchs Land zu ermöglichen.

Sie sprachen eine unbekannte Sprache und Männer wie Frauen hatten langes schwarzes Haar, das zu einem Zopf gebunden werden konnte. Sie hatten Augen wie Sam und Lucys Ma, die nur vom Gold träumte und der Rückkehr über das Meer. Die Eltern waren wie Yin und Yang. Ba liebte dieses wilde Land, er schuftete in den Minen, schürfte heimlich nach Gold, um ein Stück Land zu kaufen. Für ein Zuhause. Er hat nie erfahren, dass nur ein Stück Papier, eine Urkunde, über den rechtmäßigen Besitz des Goldes entscheidet. In der verkommenen Hütte, mehr dreckiger Hühnerstall als Heim, bleibt den Kindern eines Tages nur noch der Leichnam des Vaters. Seine Überreste müssen begraben werden. Ba braucht ein Zuhause, von Erde und schweren Silberdollars bedeckt, damit die Geister Ruhe finden.

Dagmar Yu-Dembski

Veranstaltungshinweis: C Pam Zhang ist im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ILB) am 13. September um 21.00 Uhr im Silent Green eingeladen.

Melancholie des ewigen Abschieds –
Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen

Ihr Leben war eine endlose Folge von Abschieden. Sie musste immer wieder ihre Geburtsstadt Shanghai verlassen. 1952 zog Eileen Chang nach Amerika, blieb dort, bis zu ihrem einsamen Tod 1995. Obwohl sie nie mehr nach China zurückkehrte, blieb die Erinnerung an das Shanghai ihrer Jugendzeit im Zentrum all ihrer Erzählungen. Dabei konnte sie keineswegs auf eine glückliche, behütete Kindheit zurückblicken.

Eileen Chang (1920–1995), mit ihrem chinesischen Namen Zhang Ailing (张爱玲), hatte nie ein sicheres Zuhause. Die wohlsituierte Familie, die auf Vorfahren in kaiserlichen Diensten verweisen konnte, lebte während der Dreißigerjahre in einer großbürgerlichen Villa im französischen Stadtteil Shanghais. Ihre Mutter, getragen von Ideen der 4.-Mai-Bewegung 1919, verließ Eileen, um in Europa zu studieren. Die Tochter blieb bei dem Vater, der ein klassisch gebildeter Chinese, doch im Gegensatz zu der Mutter ganz der Tradition verhaftet war. Unter seiner Opiumsucht, den ständig wechselnden Konkubinen im Haus und einer feindseligen Stiefmutter litt das sensible junge Mädchen sehr. Die familiären Konflikte eskalierten, als der Vater sie in seiner Eifersucht schlug, wochenlang im Haus einsperrte und ihr sogar, als sie lebensgefährlich erkrankte, die medizinische Betreuung verweigerte.

Mit Hilfe ihres Kindermädchens konnte sie schließlich aus dem väterlichen Heim zu ihrer Mutter fliehen, die sie jedoch kurz darauf erneut verließ und nun nach Paris ging. Durch Vermittlung ihrer Mutter – und den vorhandenen finanziellen Mittel der Familie – konnte Eileen das angesehene St. Mary’s Mädcheninternat besuchen. Trotz der überaus strengen allgemeinen Schulordnung und des wenig kreativen Unterrichts war diese Zeit für sie prägend, wie die jetzt veröffentlichte Erzählung „Die Klassenkameradinnen“ zeigt. Dort entdeckte Eileen Chang ihre Begeisterung am Schreiben, es entstanden ihre ersten Kurzgeschichten für die Internatszeitung.

Nach Abschluss der Schulzeit konnte sie während der kriegerischen Auseinandersetzungen das Stipendium für Europa nicht wahrnehmen. Daher ging sie für drei Jahre zum Studium nach Hongkong, kehrte jedoch 1941 in ihre Heimatstadt zurück und begann, für lokale Zeitschriften kleinere Prosatexte zu schreiben. Mit den einfühlsamen Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen und alltäglichen Geschichten vom Scheitern mancher Träume avancierte sie in den Vierzigerjahren zum aufregenden Star der Literaturszene. Ihre kurze, unerfreuliche Ehe mit Hu Lancheng, der während des Krieges mit dem japanischen Besatzungsregime kollaborierte, sollte ihre Karriere als Schriftstellerin im kommunistischen China auf Jahre hinaus belasten.

1952 verließ sie für immer ihre Heimat, ging zunächst nach Hongkong, wo sie als Dolmetscherin arbeitete und verschiedene westliche Autoren übersetzte. Sie verließ auch diese Stadt, ging in die USA, wo sie als Dozentin an mehreren Hochschulen unterrichtete und einen großen Teil ihrer Romane, Essays und Erzählungen auf Englisch schrieb. Ihre Ambivalenz ihrer literarischen Arbeit zeigte sich darin, dass sie die Texte immer wieder änderte, umarbeitete, kürzte und aus dem Englischen auch ins Chinesische rückübersetzte.

In der nun erschienenen längeren Erzählung gibt die Autorin zum ersten Mal genauere Einblicke in ihr Leben in Amerika. In der Figur der Zhao Jue erfahren wir von dem schwierigen Leben als Emigrantin und ihren demütigenden (heute als Me-too) Erfahrungen bei der Vergabe von Aufträgen als Simultandolmetscherin. Dies ist vermutlich auch der Grund dafür, dass die 1978 verfasste Langerzählung zum Schutz noch lebender Personen nicht zu ihren Lebzeiten veröffentlicht werden durfte. Der Text war zuerst 2004 in Taiwan unter dem Titel 我同学少年都不见 (Wo tongxue shao nian bu jian) erschienen und wurde jetzt vom Ullstein-Verlag herausgegeben; gewohnt kompetent von Susanne Hornfeck und Wang Jue ins Deutsche übertragen und mit einem überaus informativen Nachwort versehen.

Die Erzählung beginnt damit, dass Zhao Jue – das Alter Ego der Autorin – einen Artikel im Time-Magazin entdeckt und sich nach all den Jahren an ihre Jugendfreundin aus der Internatszeit in Shanghai erinnert. Ihre Gedanken kehren zurück an ihre uneingestandene Liebe zu Enjuan, an ihre schwärmerische Bewunderung der Freundin, die aus einfachen Verhältnissen kommt, an Gefühle von homoerotischer Anziehung und Eifersucht. Präzise sind die Erinnerungen an unbefangene Sonntage eingefangen, an vertraute Treffen in dem verwilderten Park des Internats, wo die Freundinnen ihr Wissen über Sex und Liebe austauschen. Nicht immer wagt Jue sich der Freundin zu nähern, beobachtet eifersüchtig das Zusammensein anderer Schulkameradinnen mit der umschwärmten Freundin. Ihr bleibt die Gewissheit der wahren Liebe, einer Liebe ohne Ziel.

Die Wege der früheren Freundinnen trennen sich, sie heiraten. Enjuan folgt ihrem Mann in die USA, wo sie nun als Frau eines Diplomaten gesellschaftlich aufsteigt. Dagegen bleibt Zhao Jue nach ihrer Scheidung in Amerika nur ein glückloses, einsames Leben. Zehn Jahre lang haben die früheren Schulfreundinnen nicht miteinander kommuniziert, selbst bei dem Wiedersehen kehrt die einstige Vertrautheit nicht zurück.

Wer will, kann in jeder Zeile die Melancholie der Autorin über den Verlust ihrer einstigen Welt nachempfinden. Im Gegensatz zu der glamourösen Zeit der 1940er-Jahre führt sie in Amerika ein finanziell bedrückendes und einsames Leben als Emigrantin. Lange Jahre war sie als Autorin verfemt und fast vergessen. Erst mit „In the mood for love“, der virtuosen Verfilmung von „Lust, Caution“ durch den Hongkonger Filmemacher Wong Karwai, wurde Zhang Ailing weltweit wieder entdeckt. Ihre Romane und Erzählungen wurden nun in zahlreichen Sprachen veröffentlicht. Mit ihren Geschichten einer verlorenen Zeit hat sie die Erinnerungen an das urbane Leben und die Menschen vor dem Vergessen bewahrt.

In den 1970er-Jahren erschienen in Taiwan und Hongkong, später auch in China, einige ihrer Erzählungen und Romane der Vierzigerjahre. Ihr Leben endete dennoch, literarisch fast vergessen und einsam. Sie wurde im September 1995 tot in ihrem Appartement in Los Angeles gefunden. Eileen Chang erweist sich in der Melancholie des ewigen Abschieds nun wieder als großartige, unvergessene Literatin der chinesischen Moderne.

Dagmar Yu-Dembski

Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen

Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen
Ullstein Verlag (2020)
96 Seiten, 18,00 €

Einsichten eines politischen Journalisten –
Theo Sommer: China First

Der Titel war natürlich bewusst gewählt: China First. Vor einem Jahr veröffentlichte der promivierte Politologe und Publizist Theo Sommer auf über 300 Seiten (plus Literatur und Register) seine Einsichten und Überlegungen zur weltpolitischen Rolle Chinas im 21. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund zeithistorischer Entwicklungen des Landes werden in dem vom Verlag C.H.Beck herausgegebenen Band globalstrategische Projekte und Konzepte vorgestellt. Die Berichte und Kommentare dienen Sommer als Beleg für Chinas Weg zur Weltmacht, der bestimmt wird von der Konkurrenz zu den USA und der „America First“-Politik seines Präsidenten Donald Trump.

Der langjährige Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ versteht seine Veröffentlichung ausdrücklich als Aussagen eines Journalisten, der sich seit fast 60 Jahren mit Asien und Weltpolitik befasst hat, und nicht eines Sinologen. Da er nicht als Korrespondent oder Berichterstatter länger im Land gelebt hat, dienen ihm u. a. die eigenen Berichte und Begegnungen mit chinesischen Politikern zur Beurteilung politischer, sozialer und ökonomischer Entwicklungen der Volksrepublik als Grundlage.

Eine wichtige Chinaerfahrung war 1975: Sommer nahm als journalistische Begleitung von Helmut Schmidt an einem Staatsempfang mit Deng Xiaoping in Peking teil. In diesem Kontext entstand der Band „Die chinesische Karte“, in dem seine grundlegenden Überlegungen zur zukünftigen Bedeutung Chinas bereits angelegt waren. Angesicht der raschen globalen und innerchinesischen Entwicklungen sind weite Teile von Sommers jetzigen Ausführungen teilweise überholt. Dies liegt daran, dass der Autor zwar auf eine Fülle an Belegen wie Pressematerial, Berichte und Kommentare seiner Kollegen verweisen kann, diese Texte – wie seine eigenen – jedoch im aktuellen Zusammenhang entstanden sind. Viele der gesammelten Informationen sind bereits früher publiziert worden und in der nun veralteten Aussage wenig bedeutsam.

Sommers Text richtet sich allerdings vorwiegend an ein allgemein politisch interessiertes Lesepublikum. So gewinnt die Darstellung durch eine „medienwirksame“ Sprache, die komplexe Zusammenhänge durch personalisierte Charakterisierungen und persönliche Einschätzungen belebt.
Dieser Ansatz führt zu der ambivalenten Bedeutung des Bandes „China First“, in dem der Autor Chinas Entwicklung zur wirtschaftlichen Weltmacht von der Reformpolitik Deng Xiaopings bis zur machtpolitischen Festigung durch Xi Jinping verfolgt. Neben kritischen Ausführungen zu außenpolitischen Strategien (Seidenstraßen-Projekt, Gebietsansprüche) und Spannungsfeldern (Taiwan, Indien, Japan) sowie den innenpolitischen Einschränkungen werden Möglichkeiten einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit angesichts globaler handelspolitischer Auseinandersetzungen (Trump – Xi) und geostrategischer Konflikte diskutiert. Als Fazit zieht Theo Sommer statt einer Politik des „China First“ eine Zukunft, die von dem Konzept „Together First“ geprägt sein sollte.

Dagmar Yu-Dembski

Theo Sommer: China First

Theo Sommer: China First –
Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert
Verlag C.H.Beck (2020, Taschenbuch-Ausgabe)
496 Seiten, 16,00 €