Chinaladen – Rezensionen

Melancholie des ewigen Abschieds –
Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen

Ihr Leben war eine endlose Folge von Abschieden. Sie musste immer wieder ihre Geburtsstadt Shanghai verlassen. 1952 zog Eileen Chang nach Amerika, blieb dort, bis zu ihrem einsamen Tod 1995. Obwohl sie nie mehr nach China zurückkehrte, blieb die Erinnerung an das Shanghai ihrer Jugendzeit im Zentrum all ihrer Erzählungen. Dabei konnte sie keineswegs auf eine glückliche, behütete Kindheit zurückblicken.

Eileen Chang (1920–1995), mit ihrem chinesischen Namen Zhang Ailing (张爱玲), hatte nie ein sicheres Zuhause. Die wohlsituierte Familie, die auf Vorfahren in kaiserlichen Diensten verweisen konnte, lebte während der Dreißigerjahre in einer großbürgerlichen Villa im französischen Stadtteil Shanghais. Ihre Mutter, getragen von Ideen der 4.-Mai-Bewegung 1919, verließ Eileen, um in Europa zu studieren. Die Tochter blieb bei dem Vater, der ein klassisch gebildeter Chinese, doch im Gegensatz zu der Mutter ganz der Tradition verhaftet war. Unter seiner Opiumsucht, den ständig wechselnden Konkubinen im Haus und einer feindseligen Stiefmutter litt das sensible junge Mädchen sehr. Die familiären Konflikte eskalierten, als der Vater sie in seiner Eifersucht schlug, wochenlang im Haus einsperrte und ihr sogar, als sie lebensgefährlich erkrankte, die medizinische Betreuung verweigerte.

Mit Hilfe ihres Kindermädchens konnte sie schließlich aus dem väterlichen Heim zu ihrer Mutter fliehen, die sie jedoch kurz darauf erneut verließ und nun nach Paris ging. Durch Vermittlung ihrer Mutter – und den vorhandenen finanziellen Mittel der Familie – konnte Eileen das angesehene St. Mary’s Mädcheninternat besuchen. Trotz der überaus strengen allgemeinen Schulordnung und des wenig kreativen Unterrichts war diese Zeit für sie prägend, wie die jetzt veröffentlichte Erzählung „Die Klassenkameradinnen“ zeigt. Dort entdeckte Eileen Chang ihre Begeisterung am Schreiben, es entstanden ihre ersten Kurzgeschichten für die Internatszeitung.

Nach Abschluss der Schulzeit konnte sie während der kriegerischen Auseinandersetzungen das Stipendium für Europa nicht wahrnehmen. Daher ging sie für drei Jahre zum Studium nach Hongkong, kehrte jedoch 1941 in ihre Heimatstadt zurück und begann, für lokale Zeitschriften kleinere Prosatexte zu schreiben. Mit den einfühlsamen Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen und alltäglichen Geschichten vom Scheitern mancher Träume avancierte sie in den Vierzigerjahren zum aufregenden Star der Literaturszene. Ihre kurze, unerfreuliche Ehe mit Hu Lancheng, der während des Krieges mit dem japanischen Besatzungsregime kollaborierte, sollte ihre Karriere als Schriftstellerin im kommunistischen China auf Jahre hinaus belasten.

1952 verließ sie für immer ihre Heimat, ging zunächst nach Hongkong, wo sie als Dolmetscherin arbeitete und verschiedene westliche Autoren übersetzte. Sie verließ auch diese Stadt, ging in die USA, wo sie als Dozentin an mehreren Hochschulen unterrichtete und einen großen Teil ihrer Romane, Essays und Erzählungen auf Englisch schrieb. Ihre Ambivalenz ihrer literarischen Arbeit zeigte sich darin, dass sie die Texte immer wieder änderte, umarbeitete, kürzte und aus dem Englischen auch ins Chinesische rückübersetzte.

In der nun erschienenen längeren Erzählung gibt die Autorin zum ersten Mal genauere Einblicke in ihr Leben in Amerika. In der Figur der Zhao Jue erfahren wir von dem schwierigen Leben als Emigrantin und ihren demütigenden (heute als Me-too) Erfahrungen bei der Vergabe von Aufträgen als Simultandolmetscherin. Dies ist vermutlich auch der Grund dafür, dass die 1978 verfasste Langerzählung zum Schutz noch lebender Personen nicht zu ihren Lebzeiten veröffentlicht werden durfte. Der Text war zuerst 2004 in Taiwan unter dem Titel 我同学少年都不见 (Wo tongxue shao nian bu jian) erschienen und wurde jetzt vom Ullstein-Verlag herausgegeben; gewohnt kompetent von Susanne Hornfeck und Wang Jue ins Deutsche übertragen und mit einem überaus informativen Nachwort versehen.

Die Erzählung beginnt damit, dass Zhao Jue – das Alter Ego der Autorin – einen Artikel im Time-Magazin entdeckt und sich nach all den Jahren an ihre Jugendfreundin aus der Internatszeit in Shanghai erinnert. Ihre Gedanken kehren zurück an ihre uneingestandene Liebe zu Enjuan, an ihre schwärmerische Bewunderung der Freundin, die aus einfachen Verhältnissen kommt, an Gefühle von homoerotischer Anziehung und Eifersucht. Präzise sind die Erinnerungen an unbefangene Sonntage eingefangen, an vertraute Treffen in dem verwilderten Park des Internats, wo die Freundinnen ihr Wissen über Sex und Liebe austauschen. Nicht immer wagt Jue sich der Freundin zu nähern, beobachtet eifersüchtig das Zusammensein anderer Schulkameradinnen mit der umschwärmten Freundin. Ihr bleibt die Gewissheit der wahren Liebe, einer Liebe ohne Ziel.

Die Wege der früheren Freundinnen trennen sich, sie heiraten. Enjuan folgt ihrem Mann in die USA, wo sie nun als Frau eines Diplomaten gesellschaftlich aufsteigt. Dagegen bleibt Zhao Jue nach ihrer Scheidung in Amerika nur ein glückloses, einsames Leben. Zehn Jahre lang haben die früheren Schulfreundinnen nicht miteinander kommuniziert, selbst bei dem Wiedersehen kehrt die einstige Vertrautheit nicht zurück.

Wer will, kann in jeder Zeile die Melancholie der Autorin über den Verlust ihrer einstigen Welt nachempfinden. Im Gegensatz zu der glamourösen Zeit der 1940er-Jahre führt sie in Amerika ein finanziell bedrückendes und einsames Leben als Emigrantin. Lange Jahre war sie als Autorin verfemt und fast vergessen. Erst mit „In the mood for love“, der virtuosen Verfilmung von „Lust, Caution“ durch den Hongkonger Filmemacher Wong Karwai, wurde Zhang Ailing weltweit wieder entdeckt. Ihre Romane und Erzählungen wurden nun in zahlreichen Sprachen veröffentlicht. Mit ihren Geschichten einer verlorenen Zeit hat sie die Erinnerungen an das urbane Leben und die Menschen vor dem Vergessen bewahrt.

In den 1970er-Jahren erschienen in Taiwan und Hongkong, später auch in China, einige ihrer Erzählungen und Romane der Vierzigerjahre. Ihr Leben endete dennoch, literarisch fast vergessen und einsam. Sie wurde im September 1995 tot in ihrem Appartement in Los Angeles gefunden. Eileen Chang erweist sich in der Melancholie des ewigen Abschieds nun wieder als großartige, unvergessene Literatin der chinesischen Moderne.

Dagmar Yu-Dembski

Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen

Eileen Chang: Die Klassenkameradinnen
Ullstein Verlag (2020)
96 Seiten, 18,00 €

Einsichten eines politischen Journalisten –
Theo Sommer: China First

Der Titel war natürlich bewusst gewählt: China First. Vor einem Jahr veröffentlichte der promivierte Politologe und Publizist Theo Sommer auf über 300 Seiten (plus Literatur und Register) seine Einsichten und Überlegungen zur weltpolitischen Rolle Chinas im 21. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund zeithistorischer Entwicklungen des Landes werden in dem vom Verlag C.H.Beck herausgegebenen Band globalstrategische Projekte und Konzepte vorgestellt. Die Berichte und Kommentare dienen Sommer als Beleg für Chinas Weg zur Weltmacht, der bestimmt wird von der Konkurrenz zu den USA und der „America First“-Politik seines Präsidenten Donald Trump.

Der langjährige Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ versteht seine Veröffentlichung ausdrücklich als Aussagen eines Journalisten, der sich seit fast 60 Jahren mit Asien und Weltpolitik befasst hat, und nicht eines Sinologen. Da er nicht als Korrespondent oder Berichterstatter länger im Land gelebt hat, dienen ihm u. a. die eigenen Berichte und Begegnungen mit chinesischen Politikern zur Beurteilung politischer, sozialer und ökonomischer Entwicklungen der Volksrepublik als Grundlage.

Eine wichtige Chinaerfahrung war 1975: Sommer nahm als journalistische Begleitung von Helmut Schmidt an einem Staatsempfang mit Deng Xiaoping in Peking teil. In diesem Kontext entstand der Band „Die chinesische Karte“, in dem seine grundlegenden Überlegungen zur zukünftigen Bedeutung Chinas bereits angelegt waren. Angesicht der raschen globalen und innerchinesischen Entwicklungen sind weite Teile von Sommers jetzigen Ausführungen teilweise überholt. Dies liegt daran, dass der Autor zwar auf eine Fülle an Belegen wie Pressematerial, Berichte und Kommentare seiner Kollegen verweisen kann, diese Texte – wie seine eigenen – jedoch im aktuellen Zusammenhang entstanden sind. Viele der gesammelten Informationen sind bereits früher publiziert worden und in der nun veralteten Aussage wenig bedeutsam.

Sommers Text richtet sich allerdings vorwiegend an ein allgemein politisch interessiertes Lesepublikum. So gewinnt die Darstellung durch eine „medienwirksame“ Sprache, die komplexe Zusammenhänge durch personalisierte Charakterisierungen und persönliche Einschätzungen belebt.
Dieser Ansatz führt zu der ambivalenten Bedeutung des Bandes „China First“, in dem der Autor Chinas Entwicklung zur wirtschaftlichen Weltmacht von der Reformpolitik Deng Xiaopings bis zur machtpolitischen Festigung durch Xi Jinping verfolgt. Neben kritischen Ausführungen zu außenpolitischen Strategien (Seidenstraßen-Projekt, Gebietsansprüche) und Spannungsfeldern (Taiwan, Indien, Japan) sowie den innenpolitischen Einschränkungen werden Möglichkeiten einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit angesichts globaler handelspolitischer Auseinandersetzungen (Trump – Xi) und geostrategischer Konflikte diskutiert. Als Fazit zieht Theo Sommer statt einer Politik des „China First“ eine Zukunft, die von dem Konzept „Together First“ geprägt sein sollte.

Dagmar Yu-Dembski

Theo Sommer: China First

Theo Sommer: China First –
Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert
Verlag C.H.Beck (2020, Taschenbuch-Ausgabe)
496 Seiten, 16,00 €